Absurde EntscheidungKartellamt verpflichtet Apple zu manipulativem Design

Wer ein Apple-Gerät hatte, wurde in der Vergangenheit recht gut vor dem Zugriff der Werbebranche gewarnt. Nach einem auch von deutschen Zeitungsverlagen angestrengten Verfahren beim Kartellamt wird der Schutz nun verwässert – mit klaren Nachteilen für die Nutzer:innen. Ein Kommentar.

  • Markus Reuter
Müllsäcke und eine Mülltonne
Nutzer:innen müssen sich demnächst bei Apple wieder durch manipulativen Informationsmüll wühlen, wenn sie kein Tracking wollen. (Symbolbild) – Gemeinfrei-ähnlich freigegeben durch unsplash.com: Carl Campbell

Dass der Datenschutz bei Apple ein wenig besser ist als bei anderen Konzernen, ist für manche Menschen ein Grund, sich ein Gerät des Unternehmens zuzulegen. Praktisch ist beim iPhone zum Beispiel die Funktion, dass man den gesamten Tracking-Zirkus durch Apps mit einem Klick ausschalten kann. Selbst wenn man das nicht tut: Die Warnung vor Tracking durch Drittfirmen ist auf iPhones bisher immer noch ziemlich deutlich.

Das passte der nimmersatten Verlags- und Werbebranche nicht, sie hat überall kartellrechtliche Verfahren gegen Apple vom Zaun gebrochen, um ihr Geschäft mit Überwachung und Profilen zu schützen. In Deutschland nun auch mit Erfolg: Apple muss die Erlaubnis-Abfrage drastisch umgestalten, wie gestern das Bundeskartellamt mitteilte.

Nun mag kartellrechtlich eine Sache verständlich sein: Apple bevorzugte in den Datenschutzabfragen auf dem iPhone das eigene Tracking gegenüber dem von Drittanbietern – und das ist aufgrund der Marktmacht nicht in Ordnung. Es ist richtig, dass Apple an dieser Stelle zurückgepfiffen wird.

Aber: Dass die Lösung nun sein soll, dass Apple die Datenschutzabfragen so manipulativ, kompliziert und intransparent gestalten muss, wie in der Werbebranche üblich, ist eine Unverschämtheit.

In Zukunft soll bei der Abfrage nach Tracking nämlich …

  • … statt der Warnfarbe Orange nun ein unverfängliches Blau eingesetzt werden
  • … der Begriff „Tracking“ nicht mehr benutzt werden,
  • … der Button „App bitten, nicht zu tracken“ geändert werden,
  • … die Möglichkeit geschaffen werden auch noch zusätzliche Fenster mit mehr „Informationen“ zu öffnen,
  • … gleichzeitig ein langer Begleittext von 4.000 Zeichen zugelassen werden, samt Formatierungsmöglichkeiten wie Fettdruck, Kursivschrift und Aufzählungslisten, vermutlich damit man die Nutzer:innen mit Datenschutz-Blabla verwirren kann.
  • … und als wäre das nicht alles genug, sollen Anbieter nach einem Jahr wieder fragen dürfen, ob man nicht doch einwilligen möchte.

Schutz vor Tracking wird umständlicher

Klare Warnmechanismen und Bezeichnungen werden also abgeschafft, dafür lange verwirrende Texte und zusätzliche Fenster erlaubt. Also wird ein intransparentes, nerviges und dazu noch beständiges Nudgen in Richtung Datenfreigabe zum Standard.

Wir alle kennen genau dieses Design aus den Cookie-Bannern, die uns mit Information überfrachten, damit wir irgendwann entnervt auf „Alles akzeptieren“ klicken. Ziel eines solchen Designs ist, dass unsere Tracking-Daten für immer in den Kosmos der Datenhändler und Verwerter und letztlich auch in die Hände staatlicher Player wie Geheimdiensten und Polizeien gelangen. Unsere Recherchen zu den Databroker Files zeigen, wie gefährlich dieses Geschäftsmodell ist. Die Entscheidung gegen Apple befeuert dieses Geschäftsmodell, indem es einen einfachen Schutzmechanismus schwächt.

Das Problem ist letztlich aber nicht das Kartellamt, sondern Politiker:innen und Parteien in Brüssel und Berlin, die sich nicht an das invasive und schädliche Modell der überwachungsbasierten Werbung herantrauen – und dieses endlich verbieten.

Über die Autor:innen

  • Markus Reuter

    Markus Reuter recherchiert und schreibt zu Digitalpolitik, Desinformation, Zensur und Moderation sowie Überwachungstechnologien. Darüber hinaus beschäftigt er sich mit der Polizei, Grund- und Bürgerrechten sowie Protesten und sozialen Bewegungen. Für eine Recherchereihe zur Polizei auf Twitter erhielt er 2018 den Preis des Bayerischen Journalistenverbandes, für eine TikTok-Recherche 2020 den Journalismuspreis Informatik. Bei netzpolitik.org seit März 2016 als Redakteur dabei. Er ist erreichbar unter markus.reuter | ett | netzpolitik.org, sowie auf Mastodon und Bluesky.

    Kontakt: E-Mail (OpenPGP)


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6 Kommentare zu „Kartellamt verpflichtet Apple zu manipulativem Design“


  1. Notorisch Rhetorisch

    ,

    Wie zum Schluss bereits erwähnt, das sind alles nur Symptome. Das eigentliche Kernproblem ist die Tracking- und Ad-Industrie mit ihren geradezu Mafiösen Verflechtungen die m.E. so nie hätte existent werden dürfen. Diesem Wildwuch gilt es wirklich mal mit einem Radikalen Schnitt (Analogie zur Gießkanne-> Heckenschere!) entgegen zu wirken. Aber so lange auch Staatliche Akteure Nutznießer sein können glaube ich nicht das irgend wer dieses Thema an fasst.

    Prinzipiell hätte ich eigentlich kein Problem wenn meine IP bei einem Zugriff im webserver-log auftauchte – wenn dies Log NUR vom Betreiber der seite selbst ausgewertet würde. Auch Werbung die von der gleichen IP aus abgerufen würde wäre nicht schlimm. Aber genau DA endet m.E. das sogenannte „Berechtigte Interesse“ schon. So war’s vor Jahrzehnten vielleicht mal.

    Heute zählt man teils neunhundert-siebenunddrölfzig „Partner“ die aufgelistet würden und etliche „Funktionen“ die m.E. für niemanden mehr einen Sinn ergeben – außer zum Verschleiern der Datengier. Ein Session-cookie für den Warenkorb, eines für den Login. MEHR darf m.E. niemandem erlaubt sein. DAS sollte das Maß der Dinge sein. Aber nicht maßloses Tracking an dessen Datentöpfen sich ganze Industrien und Staaten genüsslich laben.

    Ich sehe jedenfalls bei den Cookie-consent Bannern nicht mehr auf die Farben o.a. sondern nur noch wo der Text „alles Ablehnen“ zu finden ist. Und das wird konsequent so benutzt.

    So ähnlich wie man kaum Beweisen kann das Gott nicht-existiert so sollten sich die Daten-Sammler mal die Frage stellen wie viele Benutzer sie allein durch ihren Tracking-Wahn NICHT mehr erreichen. Tendenz steigend (hoffe ich mal). Das könnte zu einer Konzentration führen (immer mehr Werbung auf immer mehr Seiten die immer seltener überhaupt ankommt) und letztlich einen Kollaps herbei führen. Werbung Ad Absurdum geführt durch… Werbung! ;-)


    1. +1

      (Dieser Text ist eine Ergänzung, um auf über 10 Zeichen zu kommen)


  2. UmstrittenerNutzer

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    Wieso sollten sich Politiker trauen, wenn nicht mal die Redaktion von Netzpolitik sich traut, offen und ehrlich dieVerantwortlichen zu benennen? Eure eigenen Recherchen und Berichte von Golem/heise zeigen seit Jahren, dass es die Verlage sind unter Führung des BDZV, die Tracking wollen und Apple diffamieren sowie diskreditieren. Auch die Analysen von Thomas Knüwer sind dazu sehr empfehlenswert. Also hinter allem stehen deutsche Verlage. Was schreibt ihr in der Headline? „auch von deutschen Zeitungsverlagen“… als wären die nur so ein Nebenaspekt und fast unwichtig gegenüber den „wirklichen Verantwortlichen“ – Also wenn nicht mal ihr es schafft, in der Headline deutlich zu schreiben, wer verantwortlich ist, sondern den weißen Peter lieber direkt im ersten Wort dem Kartellamt zuschiebt, wie sollen sich dann Politiker trauen, die völlig abhängig sind wohlwollenden, erpressenden, unter Druck setzenden, lügenden, manipulierenden und nötigenden Zeitungsverlagen? Bessere Headline wäre zum Beispiel: „Zeitungsverlage überzeugen Kartellamt von manipulativem Design beim Apple Werbeschutz“


    1. Markus Reuter

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      Ist ja nun nicht so, dass wir uns da verstecken bei dem Thema und das Verbot von dieser Werbeform nicht immer wieder gefordert hätten.


  3. Anonym

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    Einfache Lösung, Apps, die das möglichst kompliziert gestalten, werden nicht mehr genutzt. Apps, die das Fenster weiter einfach halten, sodass man leicht ablehnen kann, werden weiter genutzt.
    Allgemein sollte sich die Politik aber mal dem ganzen Thema endlich annehmen und personalisierte Werbung und damit verbundene Datensammelei komplett verbieten, leider stehen da aber enorm mächtige Konzerne wie der Ober-Stalker Google im Weg.


  4. Ein geschätzter Netzpolitik Leser

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    Das Kartellamt hat mal wieder gezeigt, das es niemals im Sinne eines Nutzers agieren wird, sondern nur im Sinne von Geschäft, Profit und damit Steuereinnahmen. Mich wundert, das die Datenschützer hier nicht gegen das Bundeskartellamt intervenieren, denn das Kartellamt hat nichts mit Datenschutz und Schutz der Privatsphäre zu tun, oder doch?

    Ich persönlich finde ja, das Apple ein Orden verliehen werden sollte, da sie sich dem ausufernden Tracking überhaupt angenommen haben und versuchen es einzudämmen (nicht perfekt, aber immerhin doch recht effektvoll ). Betrachtet man die Vorgehensweisen der Werbevermarkter, wird einem klar, die machen was sie wollen und sie manipulieren die Gesetzgebung dahingehend, das sie immer Ihr Geschäft schützen können.

    Glücklicherweise gibt es Mittel und Wege, das Tracking (incl. Werbung) im Internet effektiv zu unterbinden, was auch die vermaledeiten Cookie-Banner mit einschließt. Leider sind die meisten Nutzer daran überhaupt nicht interessiert. Man merkt das immer dann, wenn man das Thema Datenschutz und Privatsphäre mal anspricht, dann öffnet sich sofort und mit Lichtgeschwindigkeit die Ignoranz Blase um sie herum und niemand dringt mehr zu den Leuten vor.

    Ich werde mich jedenfalls immer und mit aller Macht gegen diese Tracking Sachen wehren und die Statistik meiner Maßnahmen zeigt, das dies sehr sehr gut funktioniert. Seit ich das mache, habe ich mehr als 1,2 Millionen Tracker, Werbung, Pixel und was da nicht alles verwendet wird, abgewehrt, Tendenz steigend. Ich wünschte nur, die Leute wäre nicht generell so ignorant wie sie es derzeit sind.

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